Der 1. Mai hat Besseres verdient

Der 1. Mai hat Besseres verdient

Jedes Jahr am 1. Mai geschieht dasselbe Ritual: Die einen demonstrieren für faire Löhne, Arbeitsbedingungen und soziale Sicherheit. Die anderen liefern die Bilder dazu, die am Abend in den Nachrichten hängen bleiben. Kaputte Scheiben, Sprayereien, Pyros, Wasserwerfer, Polizei in Vollmontur.

Und dann fragt man sich irgendwann: Wofür gibt es diesen "Feiertag" eigentlich noch?

Der 1. Mai war einmal der Tag der Arbeit. En Tag für Menschen, die früh aufstehen, hart arbeiten, dafür ihre Gesundheit einsetzen und Verantwortung tragen. Für Menschen, die pflegen, putzen, fahren, bauen, kochen, betreuen. Und dafür nicht nur Applaus, sondern faire Löhne, würdige Arbeitsbedingungen und echten Respekt verdient haben.

Heute wirkt dieser Tag oft eher wie ein Feiertag für jene, die vor allem anderen Arbeit machen. Denn die Chaoten des 1. Mai scheinen vor allem eines besonders gut zu können: Anderen Arbeit verursachen, anstatt selbst welche zu leisten. Sie produzieren Sondereinsätze für die Polizei, unnötige Schichten für die Stadtreinigung sowie das Gesundheitspersonal und Überstunden für die Handwerker, welche alle Schäden reparieren müssen. Kurz: Hohe Kosten inkl. Frust für all jene, die den Scherbenhaufen beseitigen müssen.

Vielleicht muss man den 1. Mai retten. Vor jenen, die ihn jedes Jahr benutzen, um aus berechtigten sozialen Anliegen eine Kulisse der Zerstörung zu machen.

 

Die Freiheit, sich lächerlich zu machen

Die Freiheit, sich lächerlich zu machen

Es gibt eine Freiheit, über die niemand spricht.

Nicht die Meinungsfreiheit.
Nicht die Versammlungsfreiheit.

Sondern die Freiheit, sich komplett lächerlich zu machen und trotzdem ernst genommen zu werden.

Als Donald Trump kürzlich ein KI-Bild von sich als Jesus postete, war die Empörung gross, obwohl niemand wirklich überrascht war. Zurückhaltung war schliesslich noch nie seine Stärke.

Die eigentlich spannende Frage bei der ganzen Sache ist jedoch nicht, was er bisher so gepostet hat.
Sondern: Wer sonst könnte sich das leisten?

Stell dir für einen Moment vor, irgendjemand anderes würde das tun: Ein KI-Beitrag, in dem man sich selbst überhöht. Ein Bild, das einen selbst als Heilsfigur stilisiert. Könnte sich eine Bundesrätin solche Posts erlauben? Oder Friedrich Merz? Oder Giorgia Meloni? Oder Ursula von der Leyen? Oder Emmanuel Macron? 

Was würde passieren?

Die Antwort ist klar: Die Reaktion wäre nicht bei allen gleich. Bei den einen wäre es politischer Selbstmord, bei anderen gäbe es gar keine grosse Reaktion, bei wieder anderen sogar Beifall.

Aber ich frage mich: Gibt es Menschen, die gar nicht mehr fallen können? Die längst ausserhalb jeder Fallhöhe existieren? Menschen, die sich alles erlauben können?

Oder haben wir als Gesellschaft immer das letzte Wort, wer sich lächerlich machen darf und wer dafür bestraft wird? 

Als Politikerin kann ich darüber nur staunen: Was für ein Privileg, sich komplett zu blamieren und trotzdem noch im Spiel zu bleiben!

 

 

 

 

 

 

Wal der Hoffnung

Wal der Hoffnung

Wurde ein Wal zur Projektionsfläche einer Zeit, die sich verzweifelt nach guten Nachrichten sehnt?

Seit Wochen hält uns der Überlebenskampf eines Buckelwals in der Ostsee in Atem. Die Welt blickt wie gebannt auf sein Schicksal und kann den Anblick dieses Dramas kaum ertragen. Menschen gehen emotional und physisch an ihre Grenzen beim verzweifelten Rettungsversuch. Und je länger es dauert, umso mehr wandelt sich die Verzweiflung in schiere Aggression. Und das in einem Ausmass, das ich noch nie so erlebt habe.

Ein Tier in Not erschüttert die meisten Menschen unmittelbar. Fast von selbst regt sich dann der Wunsch, zu helfen. Und doch frage ich mich in diesem besonderen Fall, ob viele in diesem Wal längst mehr sehen als ein leidendes Lebewesen. An ihm verdichtet sich nahezu alles, was für unsere Gegenwart steht: Hilflosigkeit, Rettungssehnsucht, Schuld, Hoffnung und Dramatik. Der Wal von Poel ist vielleicht zu einem emotionalen Symbol geworden. Dass die Rettungsaktion zwischenzeitlich auch von Erschöpfung und Konflikten überschattet wird, zeigt umso deutlicher, wie sehr sich der Fall aufgeladen hat.

Ich denke, nach all den Schreckensnachrichten der letzten Wochen und Monaten und den schlimmen Bilder, die uns aus der ganzen Welt pausenlos erreichen, ist in uns der Wunsch gewachsen, dass wenigstens irgendwo noch etwas gut ausgeht. Wir wünschen uns nichts mehr, als dass diese Geschichte ein gutes Ende nimmt.

Tröstlich für mich daran ist, dass die Menschen immer noch mitfühlen und sich nach einem guten Ausgang sehnen. Traurig ist, dass diese Erwartungen vermutlich (erneut) enttäuscht werden und wir wieder kein Happy End bekommen.

Der Wal da draussen im Wasser trägt deshalb vielleicht mehr als nur sein eigenes Schicksal. Er trägt für einen kurzen Moment auch unsere stille Bitte mit: Dass nicht alles verloren sein möge. Dass Rettung noch möglich ist. Dass sich Anstrengung lohnt. Dass am Ende nicht immer das Dunkle gewinnt. 

Dieser Wal ist längt nicht mehr nur ein Wal. Er trägt die Sehnsucht einer erschütterten Gegenwart, dass wenigstens irgendwo noch etwas Gutes möglich ist.

Die Rudolfs in unserem Leben

Die Rudolfs in unserem Leben

Ich weiss, Weihnachten ist weit weg und Rudolf das Rentier hat gerade Pause.
Gut so.
Denn es geht hier nicht um Weihnachten. 
Es geht um dieses eine Versprechen, das uns Filme, Lieder und Märchen seit jeher machen: Der Aussenseiter gewinnt am Ende.

Das hässliche Entlein wird zum Schwan.
Das unbeholfene Kind entdeckt plötzlich ein verborgenes Talent.
Das Mobbing-Opfer rettet am Ende die ganze Gruppe.

Und dann gehören sie endlich dazu. Applaus! Musik. Abspann.

Eine schöne Botschaft meinst du? Das sehe ich anders.

Denn was diese Geschichten wirklich aussagen ist: Du bist nicht genug.
Die Message lautet: Wenn deine Nase rot leuchtet, darfst du nur dazugehören, wenn du etwas leistest, das gross genug ist, um alle zu beeindrucken.

In Filmen, Geschichten und Liedern passiert es denn auch genau so:
Rudolf wird dank seiner leuchtenden Nase zum Retter im Schneesturm.
Dumbo hebt plötzlich ab - ausgerechnet wegen der Ohren, über die alle gelacht haben.
Wie praktisch!

Im echten Leben gibt es aber meistens keinen dramatischen Wendepunkt. 
Kein "Jetzt sehen plötzlich alle, wie toll du bist".
Und der Grund, für den du verspottet wirst, wird leider selten zur gefeierten Stärke.

Tatsache ist: Die meisten Rudolfs werden nie die Gelegenheit bekommen, sich in grossen Momenten zu beweisen.

Sie gewinnen keinen Superbowl.
Schiessen nicht das entscheidende Tor.
Bekommen keinen filmreifen Glow-up.

Und trotzdem sind sie da. Mit ihrer leuchtenden Nase. 
Und wollen einfach nur dazugehören.

Die richtige Botschaft in diesen Geschichten müsste aus meiner Sicht deshalb eine andere sein.
Nicht: Der Aussenseiter wird irgendwann einer von uns.
Sondern: Warum war er überhaupt nie einer von uns?

Denn ich glaube, in einem sind wir uns alle einig: 
Niemand möchte ausgeschlossen sein.