Der Bericht des Jakob von Sargans

Der Bericht des Jakob von Sargans

Einst noch stand ich im Feld, und dunkel lagerte Regen über dem Gonzengebirg, schwer hing der Himmel herab. 
Erde klebte am Schuh, und müde schritt ich zur Furche, prüfte den Wind und das Korn, dachte an Winter und Brot.

Plötzlich erlosch mir die Welt. Kein Donner, kein Ruf und kein Zeichen. 
Als ich die Augen erhob, stand ich in Sargans und doch 
war es nicht Sargans mehr, das Dorf, das gestern ich kannte. 
Fremd war die Strasse, das Licht, fremd jeder Schritt und jedes Haus.

Wagen rasten dahin, doch kein Ross zog ihre Räder. 
Lichter brannten bei Nacht, ohne dass Flammen sie nährten. 
Häuser ragten empor, wie Türme mächtiger Herren. 
Nur auf dem Hügel das Schloss stand noch und schaute herab.

Da erst dankte ich Gott: Noch war nicht alles verschwunden. 
Stein hatte länger gelebt als meine ganze Welt.

Bald erfuhr ich die Zahl der Jahre, die zwischen uns lagen. 
Jahrhundert lag über Jahrhundert, wie Schnee auf vergangenem Land. 
Menschen lebten nun reich, wie Könige niemals gelebt hatten, 
und sie bemerkten es kaum. Das war das Erste, das mich betrübte.

Wasser sprang aus der Wand, und warm war es, wann sie es wollten. 
Feuerlos leuchtete Licht, Wärme durchströmte das Haus. 
Niemand musste im Frost vor Tagesanbruch zum Brunnen, 
niemand die Glut noch bewachen, niemand das Holz heimwärts ziehn.

Und ihre Tische, o Himmel, sie bogen sich fast unter Speisen: 
Früchte aus fernestem Land, Milch und Gewürze und Fleisch, 
Brote, so weiss wie ein Fest, und Süsses in hundert Gestalten. 
Nahrung, für die wir gebetet, lag hier im Überfluss da.

Doch ich sah einen Menschen ein Brot in den Unrat werfen. 
Gestern gebacken nur war's. Heute genügte es nicht. 
Lange betrachtete ich die Hand, die achtlos es fortwarf. 
Wusste sie nicht, was sie tat? Oder war Hunger nur fern?

Manchmal, so dachte ich still, ist Reichtum ein seltsames Leiden: 
Wer ihn am längsten besitzt, sieht seinen Reichtum nicht mehr.

Auch ihre Ärzte erschienen mir mächtiger fast als die Zaubrer. 
Tief in den Leib sah ihr Blick, ohne zu öffnen die Haut. 
Fieber, das Kinder uns nahm, und Frauen im Bette des Kindbetts, 
Seuchen, vor denen ein Fürst ebenso zitterte wie wir, hatten sie vielfach besiegt.

Und Menschen wurden nun achtzig, manche gar neunzig an Jahren,
kaum glaublich erschien mir ihr Los. 
Doch ich vernahm sie beklagen die Falten, die Schwäche, das Altern. 
Wir baten um Jahre. Sie klagten, weil ihnen die Jahre geschah'n.

Wunderlich war die Gewalt, die sie ihrer Obrigkeit gaben. 
Nicht nur der Herr bestimmte, wer über die Menschen gebot. 
Bauern entschieden nun mit, Handwerker, Frauen und Arme. 
Jeder besass eine Stimme. Jeder durfte sie heben.

Einer beschimpfte die Obrigkeit laut auf öffentlicher Strasse. 
Ängstlich sah ich mich um. Niemand ergriff diesen Mann. 
Tags darauf schrieb er dieselben Gedanken für Tausende nieder. 
Wieder erschien kein Knecht. Wieder blieb heil sein Genick.

Da musste ich lächeln und doch ward schwer mir das Herz bei dem Gedanken, 
wie viele Münder einst schwiegen, weil Reden das Leben gekostet.

Grösser jedoch als die Technik erschien mir ein anderes Wunder: 
Menschen vertrauten einander, obwohl sie einander nicht kannten. 
Fremden vertrauten sie ihr Silber an, ihre Brücken, ihre Kranken und ihre Kinder.
Assen das Brot eines Manns, dessen Acker sie niemals gesehn.

Tausende stiegen am Morgen in Wagen zu fremden Gefährten 
und erwarteten schlicht, sicher am Abend zu sein.

Keiner kannte die Hände, die Wasser durch Leitungen führten. 
Keiner den Mann, der die Brücke geprüft in der Nacht. 
Keiner die Frau, die Arznei in verschlossenen Räumen bereitet. 
Dennoch vertraute man ihnen. Und meistens geschah, was man hoffte.

Darin, so dachte ich oft, liegt grösserer Zauber als Technik: 
Dass ein Unbekannter tut, was er zu tun versprochen.

Doch diese Menschen besassen auch Tafeln, klein wie die Hand nur, 
hell wie ein Irrlicht bei Nacht, mächtiger fast als ein Buch. 
Mit ihnen sprachen sie weit über Berge und Meere zu Fremden, 
hörten in einem Moment Stimmen vom Ende der Welt.

„Nun“, dachte ich, „müssen sie weise wie Engel geworden sein. 
Wenn jeder vom andern erfährt, endet vielleicht aller Streit.“

Aber sie stritten nun schneller.

Kaum war am fernsten Ende der Erde ein Wort ausgesprochen, 
wussten es Tausende schon, zürnten und schrieben zurück. 
Menschen, die niemals einander im Leben begegnet wären, 
hassten einander am Abend, ohne den Namen zu kennen.

Welch ein erstaunliches Ding: Die Entfernung hatten sie überwunden. 
Nur nicht die kleine Distanz zwischen zwei Herzen im Streit.

Auch ihre Hast blieb mir fremd. Sie bauten Maschinen für alles, 
sparten die Stunde beim Weg, sparten die Stunde beim Werk. 
Was einst Tage verlangte, vollbrachten sie häufig in Stunden. 
Was einst Stunden verlangte, geschah nun im Augenblick.

Doch überall hörte ich klagen: „Ich habe keine Zeit.“ 
Und ich verstand es nicht recht. Wohin war die Zeit denn gegangen? 
Vielleicht, so dachte ich später, kann keine Maschine dem Menschen 
jene Ruhe erschaffen, die er sich selber nicht gibt.

Trotzdem verspottete ich diese Welt nicht.

Denn ich sah Kinder, die spielten, wo unsere Kinder gearbeitet. 
Fast jeder lernte zu lesen. Fast jeder lernte zu schreiben. 
Frauen besassen ihr Gut und führten Geschäfte und Ämter, 
standen vor Räten und sprachen, ohne um Erlaubnis zu flehn.

Kranke wurden gepflegt. Und wer durch Unglück verarmte, 
sollte nicht einfach vergehn irgendwo hinter verschlossener Tür. 
Menschen beschlossen, wenn auch nach endlosen Streiten und Zahlen, 
dass man den Schwachen nicht liegen lässt, weil er schwächer nun ist.

Gewiss, sie stritten darüber, wie viel der eine solle geben, 
wie viel der andere brauche, was gerecht sei und was nicht. 
Doch unter dem Streit lag still ein gemeinsamer, kostbarer Wille: 
"Fällst du, so sollst du nicht völlig allein auf der Strasse verbleiben."

Daran musste ich lange mich gewöhnen.

Und wohl war gerade dies das Wunder, das keiner mehr wahrnahm: 
Dass Hilfe zur Ordnung geworden und Mitleid nicht bloss Zufall war.

Dann kam der Tag meiner Heimkehr.

Wieder ward schwarz mir vor Augen. 
Wieder roch ich den Acker. Wieder den Rauch meines Dorfs. 
Über dem Gonzen lag Abend, als wäre kein Jahr vergangen. 
Meine Hände waren dieselben. Doch mein Blick war es nicht.

Menschen umringten mich bald und fragten nach all jenen Wundern: 
„Jakob, erzähl von den Wagen! Fliegen die Menschen wie Vögel? 
Gibt es Häuser voll Licht? Kommt warm aus den Mauern das Wasser? 
Sind ihre Herren aus Gold? Haben sie niemals mehr Hunger?“

Ich erzählte von allem.

Von Strassen. Von Schienenwagen. Von Flugschiffen hoch über Wolken. 
Von ihren Ärzten. Vom Licht. Von ihrem unendlichen Brot.

Dann aber schwieg ich.

„Ihr fragt“, sprach ich, „nach Dingen. 
Doch das grösste Wunder der Zukunft habt ihr noch nicht verstanden:
Millionen Menschen leben dort Seite an Seite beisammen. 
Fast keiner kennt den andern. Und dennoch beginnt jeder Tag.

Einer steht morgens auf und fährt einen Wagen für Fremde. 
Einer hält Wasser bereit. Einer bewacht in der Nacht. 
Einer pflegt einen Kranken. Ein anderer lehrt fremde Kinder. 
Einer spricht Recht über Menschen, die niemals Freunde ihm waren.

Einer backt Brot für Gesichter, deren Namen er niemals erfahren. 
Einer prüft still eine Brücke, die morgen ein anderer quert. 
Einer löscht Feuer im Haus eines Menschen, den er nicht kennt. 
Und einer hebt jemanden auf, der am Strassenrand liegt.

So bleibt das Leben gewöhnlich.
Gerade darin liegt das Wunder."

Doch was jeden Tag funktioniert, wird bald nicht mehr wahrgenommen. 
Was zuverlässig geschieht, scheint wie von selber zu sein. 
Wasser fliesst. Lichter brennen. Die eisernen Wagen rollen ein, wie jeden Tag.
Kinder gehn heim aus der Schule. Der Kranke erhält seine Arznei.

Und keiner denkt an die unsichtbaren Hände.

Bis eines Morgens die Schienen leer bleiben.
Bis Wasser versiegt. 
Bis niemand mehr kommt. 
Bis einer sagt: "Warum ich? Ein anderer soll es doch tun."

Dann erst erkennt man plötzlich die unsichtbaren Geflechte, 
welche den Alltag getragen, still wie das Wurzelwerk trägt.

Darum, ihr Menschen der Zukunft, wenn je meine Stimme euch findet, 
hütet nicht einzig das Geld. Hütet nicht einzig Gerät. 
Hütet nicht Mauern und Strassen, nicht Wohlstand und glänzende Dinge. 
Alles dies kann man ersetzen. Alles dies baut man erneut.

Hütet das stille Vertrauen.

Dass einer auch morgen noch tut, was heute sein Anteil gewesen. 
Dass nicht nur jeder verlangt, sondern auch selber noch trägt. 
Dass man dem Fremden noch glaubt, dem Nachbarn die Hand reichen könnte, 
dass ein gegebenes Wort mehr ist als Schall in der Luft.

Denn eine Gemeinschaft stirbt nicht zuerst an leeren Kassen.  
Langsam beginnt ihr Verfall, kaum sichtbar, in Herzen und Worten, 
wenn jeder nur fragt, was ihm zusteht, und keiner mehr fragt, was er schuldet.

Wenn immer lauter die Frage erschallt: „Was bekomme ich?"
und immer leiser die andere: „Was trage ich bei?“

Die Grüsel-Brille

Die Grüsel-Brille

Sie sind kaum auf dem Markt, erregen sie schon viel Unmut: Smart Glasses.

Brillen, die aussehen wie ganz normale Brillen, nebenbei aber filmen, fotografieren und Ton aufnehmen können. Die Menschenrechtsorganisation HateAid geht in Deutschland inzwischen gegen den Vertrieb solcher Brillen vor. Die Begründung: Menschen könnten damit nahezu unbemerkt aufgenommen werden. Im öffentlichen Raum drohe ein permanenter Überwachungsdruck.

Ich verstehe das Unbehagen. Wirklich.

Wenn mir jemand mit seinem Smartphone offensichtlich ins Gesicht filmt, kann ich reagieren. Ich sehe das Gerät, ich sehe die Kamera, ich kann weggehen, protestieren oder zumindest innerlich schon einmal sämtliche Schimpfwörter alphabetisch sortieren.

Bei einer Brille weiss ich womöglich gar nicht, dass ich gefilmt werde. Das ist unangenehm.

Und bevor jetzt jemand denkt, ich würde hier aus sicherer Distanz über technisches Teufelszeug philosophieren: In unserem Haushalt befindet sich selbst eine Meta-Ray-Ban-Brille. Ich kenne das Ding also nicht nur aus Zeitungsartikeln.

Und ja: Ich sehe durchaus, weshalb diese Brillen faszinieren. Man kann Fotos machen, ohne das Handy hervorzunehmen. Filmen, während man beide Hände frei hat. Telefonieren, Musik hören oder Informationen abrufen.

Noch viel eindrücklicher finde ich aber etwas anderes. Ich kenne eine sehbehinderte Person, für die eine solche Brille ein echter Segen ist. Und damit bekommt die Diskussion plötzlich eine ganz andere Dimension.

Denn Smart Glasses können für Menschen mit Behinderungen weit mehr sein als ein lustiges Gadget. Gerade für blinde und sehbehinderte Menschen können sie Texte vorlesen, Gegenstände oder die Umgebung beschreiben und über Dienste wie «Be My Eyes» Unterstützung durch sehende Personen ermöglichen. Auch Menschen mit eingeschränkter Mobilität können davon profitieren, dass vieles freihändig funktioniert.

Für mich ist das ein ziemlich wichtiger Punkt. Denn Technologie, die bei mir für ein paar unterhaltsame Ferienvideos sorgt, kann einem anderen Menschen ein Stück Selbstständigkeit schenken. Und plötzlich erscheint ein pauschales Verkaufsverbot schon etwas weniger einfach.

Denn natürlich kann man eine solche Brille missbrauchen. Aber man kann sie eben auch gebrauchen.

Zusätzlich dazu beschäftigt mich an der ganzen Debatte aber eine andere Frage: Warum haben wir plötzlich so grosse Angst vor etwas, das technisch längst möglich ist?

Denn machen wir uns nichts vor: Die Perversen dieser Welt haben nicht auf die Schlaumeier-Brille gewartet.

Es ist ja nicht so, als hätten irgendwo tausende Grüsel jahrelang seufzend auf dem Sofa gesessen und gedacht: Ach, könnte ich doch nur heimlich Menschen filmen. Aber leider fehlt mir dafür die passende Brille.

Heimliche Überwachungstechnologie ist seit Jahren frei erhältlich.

Wer fünf Minuten im Internet sucht, findet Knopfkameras, Kameras in Kugelschreibern, Kameras in Schlüsselanhängern, Kameras in Weckern, Miniaturmikrofone und allerlei anderes Zeug, bei dem James Bond vermutlich etwas beleidigt wäre, weil seine streng geheimen Spezialgadgets inzwischen zu Spottpreisen online bestellt und nach Hause geliefert werden. Und ja: Solche Geräte werden definitiv missbraucht.

Kameras werden in Umkleidekabinen versteckt, auf Toiletten, in Hotelzimmern, in Wohnungen. Menschen werden heimlich beim Sex gefilmt. Frauen werden ohne ihr Wissen aufgenommen. Die Bilder und Videos landen im Internet.

Damit will ich die Smart Glasses keineswegs verharmlosen. Im Gegenteil: Sie machen heimliches Filmen tatsächlich einfacher. Man muss kein Handy mehr hochhalten. Man muss keine Kamera irgendwo verstecken. Man schaut einfach und die Kamera schaut mit.

Genau darin liegt ihre besondere Qualität und ihr besonderes Risiko. Die Grenze zwischen Wahrnehmen und Aufzeichnen wird beinahe unsichtbar.

Meta verweist auf technische Schutzmassnahmen wie ein sichtbares Aufnahmelicht. Kritiker bezweifeln jedoch, dass dieses im Alltag für andere Menschen immer ausreichend erkennbar ist. Diese Diskussion ist deshalb berechtigt. Vielleicht braucht es wirklich deutlichere Aufnahmehinweise. Vielleicht müssen bestimmte Funktionen technisch eingeschränkt werden. Und sicherlich braucht es klare Regeln, wie diese Technologie verwendet werden darf.

Aber das Problem ist ja nicht nur die Brille. Das Problem ist, was Menschen mit Technologie tun.
Und vielleicht noch wichtiger: Was danach mit den Aufnahmen geschieht.

Denn stellen wir uns vor, irgendein Grüsel filmt heimlich eine Frau in einer Umkleidekabine. Das ist schlimm genug. Aber richtig zerstörerisch wird es, wenn dieses Video anschliessend auf einer Plattform landet. Wenn es kopiert wird. Wenn es geteilt wird. Wenn andere Accounts es weiterverbreiten. Wenn Algorithmen dafür sorgen, dass tausende oder hunderttausende Menschen es sehen.

Wenn die betroffene Person versucht, das Material löschen zu lassen und feststellen muss, dass das Internet ausgezeichnet darin ist, Inhalte zu vervielfältigen und erstaunlich schlecht darin, Verantwortung dafür zu übernehmen.

Und selbst dieses Szenario ist inzwischen eigentlich schon fast altmodisch. Denn heute muss der Grüsel dich unter Umständen gar nicht mehr filmen. Künstliche Intelligenz kann ihm die Arbeit abnehmen. Ein paar Bilder können reichen. Ein Foto von Instagram. Ein Porträt auf Facebook. Ein Bild von der Firmenhomepage. Und daraus lässt sich Material erzeugen, das dich in Situationen zeigt, in denen du niemals gewesen bist.

Der Täter braucht dich als Original dafür gar nicht mehr. Er braucht nur noch irgendein Foto und eine kurze Tonaufnahme von dir. Und das verändert die Debatte fundamental.

Wir bewegen uns von einer Welt, in der Bilder von Menschen ohne deren Zustimmung aufgenommen werden können, in eine Welt, in der solche Bilder überhaupt nicht mehr aufgenommen werden müssen. Sie können einfach erzeugt werden. Sexualisierte Deepfakes sind deshalb längst Teil der Diskussion über digitale Gewalt, auch die Schweizer Internet-Initiative nennt sie ausdrücklich als Problem.

Vielleicht sollten wir deshalb nicht nur darüber diskutieren, ob eine Kamera in einer Brille, einem Kugelschreiber oder einem Handy steckt. Sondern auch darüber, welche Verantwortung diejenigen tragen, die aus solchen Aufnahmen und künstlich erzeugten Bildern Reichweite machen.

Denn das Smartphone können wir schliesslich auch nicht verbieten. Die Knopfkamera werden wir nicht aus der Welt schaffen. Die nächste Miniaturkamera wird noch kleiner sein. Und irgendwann wird vermutlich irgendein technikbegeisterter Mensch eine Kamera entwickeln, die aussieht wie ein verdammter Hemdknopf und gleichzeitig unsere Steuererklärung ausfüllen kann.

Und selbst wenn wir irgendwann sämtliche Kameras verbieten würden, könnte uns die künstliche Intelligenz inzwischen einfach eine neue Realität zusammenfantasieren.

Technologie wird immer kleiner, immer billiger, immer leistungsfähiger. Und zunehmend braucht sie nicht einmal mehr eine reale Vorlage für das, was sie produziert.

Wir können versuchen, jedes neue Gerät einzeln zu verbieten. Oder wir können uns endlich um die Regeln kümmern. Zum Beispiel darum, dass Plattformen nicht einfach sagen können: Mit dem Inhalt unserer Nutzer haben wir nichts zu tun.

Denn natürlich haben sie damit zu tun. Sie speichern ihn. Sie verbreiten ihn. Sie empfehlen ihn. Sie verdienen teilweise Geld mit der Aufmerksamkeit, die er erzeugt. Und genau an diesem Punkt wird die aktuelle Debatte für die Schweiz interessant.

Denn hier läuft derzeit die Unterschriftensammlung für die Internet-Initiative – «Zum Schutz der Grundrechte und der Demokratie im digitalen Raum».

Sie verlangt unter anderem, Anbieter von Kommunikationsplattformen, Suchmaschinen und auch Anbieter KI-basierter Systeme stärker in die Verantwortung zu nehmen. Sie sollen Menschen vor Verletzungen ihrer Grundrechte schützen und unter anderem die Verbreitung von Inhalten verhindern, die sexualisierte Gewalt enthalten.

Und plötzlich schliesst sich der Kreis ziemlich schön.

Wir können darüber streiten, ob eine bestimmte Brille verkauft werden darf. Wir können Warnlichter grösser machen. Wir können Kameras kennzeichnen. Wir können sie in Umkleidekabinen, Gerichten oder anderen sensiblen Räumen verbieten. Alles sinnvoll. 

Aber solange jemand eine heimliche Aufnahme innert Sekunden ins Netz stellen kann (oder sie mit künstlicher Intelligenz gleich selbst erzeugt) und sich anschliessend Milliardenunternehmen gegenseitig erklären, warum eigentlich niemand so richtig dafür zuständig ist, haben wir das Problem nicht gelöst.

Dann haben wir lediglich sehr ausführlich über die Verpackung gesprochen.

Die sogenannte «Perversling-Brille» macht uns eines eindrücklich sichtbar: Wir leben in einer Welt, in der praktisch jeder jederzeit eine Kamera bei sich trägt.

Wir leben jedoch inzwischen auch in einer Welt, in der es nicht einmal mehr eine Kamera braucht.

Die Frage lautet deshalb längst nicht mehr nur: Können Menschen uns heimlich aufnehmen? Natürlich können sie das.

Die viel grössere Frage lautet: Was darf mit unserem Bild, unserer Stimme und unserer Identität geschehen – und wer trägt Verantwortung, wenn sie gegen unseren Willen benutzt, verändert und millionenfach verbreitet werden?

Darüber sollten wir reden.

 

Kopfhörer sind kein Mythos

Kopfhörer sind kein Mythos

Liebe Menschen, die im Jahr 2026 noch immer glauben, ihr Smartphone sei eine öffentliche Beschallungsanlage. Wir müssen reden.

Über TikTok-Videos im Zug, Sprachnachrichten im Wartezimmer, YouTube im Restaurant. Über irgendwelche Handyspiele mit scheppernden Soundeffekten. Und ganz besonders über Videocalls auf Lautsprecher, bei denen plötzlich ein halbes Zugabteil weiss, dass Tante Monika wieder Probleme mit ihrem Knie hat.

Ihr nervt.

Es gibt Erfindungen, bei denen man sich rückblickend fragt, wie die Menschheit vorher überhaupt existieren konnte. Elektrizität, fliessendes Wasser, Antibiotika. Und irgendwo in dieser ruhmreichen Ahnenreihe: Kopfhörer. Kleine, erstaunlich erschwingliche Geräte, die es ermöglichen, Geräusche direkt in die eigenen Ohren zu transportieren, ohne dabei 37 unbeteiligte Menschen mitzunehmen.

Eine fantastische Technologie.

Und trotzdem sitzt ihr da. Handy auf dem Tisch. Lautsprecher an. TikTok Nummer 14: «OH MY GOOOD GUYS, YOU WON’T BELIEVE…»

Doch. Ich glaube es sofort. Ich glaube inzwischen alles. Vor allem glaube ich, dass ich gleich wahnsinnig werde.

Dabei geht es nicht darum, dass ich absolute Stille verlange. Öffentlicher Raum ist öffentlich. Menschen reden. Kinder lachen. Babys schreien. Züge quietschen. Kaffeemaschinen zischen. Irgendwo fällt immer etwas um. Das gehört zum Leben.

Was nicht zwingend zum Leben gehört, ist eure algorithmisch zusammengestellte Endlosschleife aus Katzenvideos, Influencern, Fussballkommentaren und zehnsekündigen Musikfetzen. 

Das ist keine Umgebung. Das ist eure Unterhaltung. Und genau deshalb gibt es Kopfhörer.

Besonders faszinierend finde ich Menschen, die telefonieren, indem sie das Smartphone wie ein kleines Tablett vor ihren Mund halten und den Gesprächspartner auf maximale Lautstärke schalten. 

Warum?

Das Telefon wurde ursprünglich sogar so konstruiert, dass man es ans Ohr halten kann. Wirklich. Das funktioniert. Man muss dafür weder ein technisches Studium absolvieren noch Bluetooth konfigurieren. Einfach: Telefon. Ohr. 

Revolutionär.

Natürlich gibt es Situationen, in denen jemand keine Kopfhörer benutzen kann oder will. Kein Problem. Niemand verlangt Perfektion.

Aber wenn du jeden Morgen denselben Zug nimmst, jeden Morgen Videos schaust und jeden Morgen ein ganzes Abteil daran teilhaben lässt, dann ist das keine unglückliche Verkettung von Umständen mehr. Dann ist das ein Lebenskonzept.

Und dieses Lebenskonzept lautet: Was ich hören will, sollt ihr auch hören.

Nein.

Ich teile gerne vieles mit meinen Mitmenschen: Den öffentlichen Raum, eine Sitzbank, die Aussicht, zur Not sogar die Armlehne. Aber nicht deinen TikTok-Algorithmus.

Deshalb mein kleiner gesellschaftlicher Appell: Benutzt einfach Kopfhörer!

Mit Kabel. Ohne Kabel. Gross. Klein. Pink. Grün. Mit Noise Cancelling. Ohne Noise Cancelling. Mir völlig egal.

Hauptsache, der Ton landet dort, wo er hingehört: Bei euch.

 

 

Achtung, eine Verrückte mit Schnitzelbrot ist unterwegs

Achtung, eine Verrückte mit Schnitzelbrot ist unterwegs

Es gibt Dinge, die weiss man einfach, wenn man regelmässig mit dem Zug unterwegs ist. Zum Beispiel: Irgendwo in jedem Zug befindet sich mindestens eine leicht verrückte Person.

Man weiss nie genau, wer es ist. Aber man erkennt sie meistens ziemlich schnell. Sie redet mit fremden Menschen, lacht alleine oder starrt die Leute an.

Man versucht, möglichst nicht neben ihr zu sitzen.

Kürzlich fuhr ich wie so oft von St. Gallen nach Hause. Ich hatte ein halbes Büroinventar und einen halben Haushalt dabei, war ziemlich bepackt und hielt zusätzlich noch ein Schnitzelbrot in der Hand. Der Zug war gut besetzt.

Nun gilt im öffentlichen Verkehr bekanntlich ein ungeschriebenes Gesetz: Man setzt sich nur dann zu fremden Menschen, wenn wirklich keine freie Vierergruppe mehr vorhanden ist. Solange irgendwo noch ein menschenleeres Abteil existiert, wird dieses aufgesucht. 

An diesem Abend waren jedoch alle Abteile bereits besetzt. Also tat ich, was getan werden musste, und setzte mich zu anderen Menschen. Ich packte mein Schnitzelbrot aus und begann zu essen.

Währenddessen strömten noch weitere Reisende in den Zug und suchten nach einem Platz. Ich schaute mich um. Und beging einen grundlegenden Fehler in der schweizerischen Zug-Etikett: Ich lächelte die Leute an. Einfach so.

Niemand lächelte zurück. Die Menschen um mich herum waren plötzlich bemerkenswert beschäftigt.

Handys wurden mit einer Konzentration betrachtet, als hinge die nationale Sicherheit davon ab. Laptops wurden geöffnet. Kopfhörer aufgesetzt. Nachrichten gelesen. Irgendwo musste offenbar gerade eine ganze Menge Weltgeschichte stattfinden, denn niemand hatte auch nur eine Sekunde Zeit, den Blick zu heben.

Ich lächelte weiter. Niemand reagierte. Blick nach unten.

Da traf mich die Erkenntnis: Nicht irgendwo in diesem Zug sass die verrückte Person.

Ich war die Verrückte.

Plötzlich fiel es wie Schuppen von meinen Augen: Da sitzt eine Frau mit mehreren Taschen und einem Schnitzelbrot, schaut wildfremde Menschen an und lächelt ihnen auch noch zu.

Natürlich schauen die weg. Denn jeder weiss, was passiert, wenn man in einem Zug versehentlich die falsche Person anlächelt.

Man lächelt höflich zurück. Die Person sagt: «Ganz schön voll heute.» Und schon ist es vorbei. Ab diesem Moment befindet man sich in einem Gespräch, das man aus Anstand nun bis zu einem gesellschaftlich vertretbaren Fluchtpunkt weiterführen muss.

Zuerst über den vollen Zug. Dann über die SBB. Dann über das Wetter. Dann darüber, dass früher sowieso alles besser war. Und ehe man sich versieht, weiss man, dass der Hund der fremden Person mit Durchfall auf Poulet reagiert, sie eigentlich wieder mal joggen gehen sollte und sie jetzt lieber im Wald als unter Menschen wäre.

Darauf hat nun wirklich niemand Lust. Also lautet die einzig vernünftige Strategie: Nicht reagieren. Nicht lächeln. Keinen Augenkontakt herstellen. Im Zweifelsfall auf dem Handy eine Excel-Tabelle öffnen und so tun, als müsse sie bis Buchs fertig sein.

Ich schaute mich nochmals im Waggon um: Kopfhörer. Handys. Laptops. Gesenkter Blick.

Und ich mittendrin. Mit meinem Schnitzelbrot. Lächelnd. Starrend.

Meine Güte.

Ich war tatsächlich die Verrückte.

Ich reagierte sofort. Nahm mein Handy hervor. Dann meine Kopfhörer. Steckte sie demonstrativ in die Ohren. Blick aufs Display.

Und ich schwöre, ich konnte förmlich spüren, wie eine Welle der Erleichterung durch den Waggon ging.

Nochmals Glück gehabt. Sie scheint doch normal zu sein.