Wer liebt, bleibt Mensch

Wer liebt, bleibt Mensch

Wohl dem Menschen, der sein Herz nicht zu Stein werden lässt.

Denn leicht ist es, andere Menschen zu verachten und von sich zu weisen.
Leicht ist es, den Zorn zu nähren und die Tore der Seele zu verschliessen.

Der Hass baut Mauern um den Menschen. Er gibt ihm ein Schwert in die Hand und spricht zu ihm: "Nun kann dich niemand mehr verwunden."

Doch siehe: Wer hinter Mauern lebt, wird nicht verwundet, aber auch nicht berührt.
Die Liebe aber öffnet das Tor. Sie legt das Schwert nieder und tritt unbewaffnet vor den anderen.

Darum verlachen viele Menschen den Liebenden und nennen ihn schwach.
Doch sie erkennen nicht, dass der Liebende mehr wagt als der Hassende.

Denn wer hasst, verbirgt seine Wunde.
Wer liebt, zeigt sein Herz.

Wer hasst, flieht vor dem Schmerz.
Wer liebt, weiss um den Schmerz und bleibt dennoch.

Wer hasst, macht den anderen zum Feind, damit er selbst keine Furcht empfinden muss. 
Wer liebt, sieht den Menschen im Feind und ringt darum, selbst Mensch zu bleiben.

Darum ist nicht stark, wer seinen Zorn wie Feuer über andere giesst.
Stark ist, wer das Feuer in sich trägt und es nicht weitergibt.

Nicht mutig ist, wer den Schwachen erniedrigt, den Fremden verstösst, oder den Gefallenen mit Füssen tritt.
Mutig ist, wer sich niederbeugt, wer die Hand reicht, wer vergibt, ohne das Unrecht zu leugnen und widerspricht, ohne zu entmenschlichen.

Denn Hass macht den Menschen hart, auf dass nichts zu ihm dringe.
Liebe aber macht ihn sanft, auf dass das Leben zu ihm dringe.

Denn wer liebt, kann verwundet werden.
Siehe, darin liegt sein Mut.

Der Hassende steht hinter seinem Schild und ruft sich selbst zum Sieger aus.
Der Liebende aber tritt hervor, ohne Gewissheit, ohne Rüstung, ohne Schutz.

Und wenn er dennoch spricht: "Ich will dich nicht hassen, ich will deine Würde nicht leugnen, ich will nicht werden wie das, was mich verletzt hat." Dann ist seine Sanftheit stärker als Gewalt und seine Liebe mutiger als Hass.

Darum sage ich euch: Wer hasst, schützt sich vor der Welt. Wer liebt, vertraut sich ihr an. 

Wer hasst, wagt wenig.
Wer liebt, wagt alles.

Vom Glück, reden zu dürfen und nicht zuhören zu müssen

Vom Glück, reden zu dürfen und nicht zuhören zu müssen

Meine Gottimaitlis begleiten mich ab und zu an politische Veranstaltungen. Das Rahmenprogramm finden sie meistens grossartig, während der Teil mit den Ansprachen regelmässig unter "eher schwierig" fällt. 

Heute war wieder so ein Tag. Wir waren gemeinsam an einem Anlass und wie das eben so ist: Zum Auftakt gab es zuerst einige Reden, darunter auch eine Ansprache von mir. Meine Gottimaitlis warteten gähnend darauf, dass das "Bla-Bla" endlich vorbei ist und der spannende Teil beginnt.

Da sagte eines meiner Gottimaitlis trocken zu mir: "Die, die reden, haben es gut. Die müssen nicht zuhören."

Zuerst musste ich lachen. Dann habe ich verstanden, dass darin mehr Wahrheit steckt, als uns Rednerinnen und Redner vielleicht bewusst ist.

Denn eigentlich hat sie damit etwas beschrieben, das ich komplett ausgeblendet hatte: Reden ist nicht einfach nur Sprechen. Reden ist auch ein Privileg. Wer redet, bekommt Raum. Aufmerksamkeit. Einfluss. Wer redet, darf bestimmten, worüber gesprochen wird. Und wie lange.

Zuhören hingegen braucht manchmal ziemlich Geduld. Man muss warten. Sich zurücknehmen. Still sein, bis man endlich auch einmal dran kommt. 

Darum ist Zuhören vermutlich die anspruchsvollere Fähigkeit als Sprechen. Denn wer zuhört, muss aushalten, dass die Welt für einen Moment nicht um die eigene Meinung kreist. Wer zuhört, muss bereit sein, sich irritieren zu lassen. Vielleicht sogar merken, dass die eigene Sicht nicht die einzige ist. Dass ein anderer Mensch andere Gründe hat. Dass hinter einem Satz mehr steck als nur Worte.

In der Politik reden wir viel über Dialog. Über Austausch. Über Debatte. Aber oft meinen wir damit: Ich sage meine Meinung. Du sagst deine Meinung. Und am Schluss bleibt jeder dort, wo er schon vorher war.

Wer zuhört, versteht mehr. Wer redet, bekommt Raum. Aber wer sprechen darf und dabei wirklich gehört wird, hat vielleicht das grösste Glück von allen. Und manchmal braucht es ein Kind, um uns daran zu erinnern.

 

 

Es riecht nach Weltmeisterschaft

Es riecht nach Weltmeisterschaft

 

Es kommt wirklich selten vor, dass ich den vermeintlich "guten alten Zeiten" nachtrauere. Der Nostalgie kann man nämlich gewöhnlich nicht vertrauen. Sie behandelt die Vergangenheit mit Weichspüler, vergoldet die Erinnerung und unterschlägt grosszügig alles, was damals auch schon schwierig, eng oder ungerecht war.

Aber bei der Fussball-WM werde ich dieses Gefühl einfach nicht los: Früher hat sie mehr Spass gemacht. Sie war fröhlicher als heute. Früher fühlte es sich an, als hätte jemand für einen Monat die Fenster zur ganzen Welt geöffnet.

Ja, es ist "nur Fussball", wird mancher sagen. Nur ein Spiel. Nur ein Turnier. Nur ein Monat alle vier Jahre.

Aber für mich war es nie nur das.

Für mich war die WM Erinnerung. Sommer. Familie. Schulferien. Panini-Bilder. Fahnen an Balkonen und Autos. Mitreissende Songs, die man heute noch nach zwei Takten erkennt. Jubel, Tränen, Verlängerungen, Penaltykrimis. Dieses besondere Kribbeln, wen die ganze Welt für einen Moment auf denselben Rasen schaut.

Die WM war ein Stück Magie. Ein Spektakel, dass die Menschen über Grenzen hinweg verbunden hat. 

War.

Denn irgendwann hat sich etwas unter diese Magie gemischt. Zuerst kaum wahrnehmbar. Ein feiner Stich in der Luft. Ein Schwefelhauch zwischen Hymne und Anpfiff. Etwas Fauliges unter dem frisch gemähte Rasen, überdeckt von Sponsorenlächeln, Promis und perfekt polierten Pokalen.

Man wollte es nicht wahrhaben. Man sagte sich: Vielleicht bilde ich es mir ein. Vielleicht ist das nur die Ernüchterung des Erwachsenwerdens. Vielleicht riecht grosser Fussball eben ein bisschen nach Kommerz, nach Macht, nach Männern mit teuren Anzügen und billiger Moral.

Aber der Geruch wurde stärker.

Er zog aus den Hinterzimmern in die Stadien. Aus den Verträgen in die Übertragungen. Aus den VIP-Logen bis auf die Sofas der Menschen, die doch eigentlich nur ein Spiel schauen wollten. Er kroch durch die Eröffnungsfeier, hing in jeder pathetischen Rede, legte sich wie ein unsichtbarer Film über jede Nahaufnahme eines lächelnden Funktionärs.

Ein fischig-schwefliger Gestank. Ein Hauch von Moder, ein Flüstern aus der Tiefe. Wie ein kleines Stück Hölle, das für einen Moment die Tür geöffnet hat. 

Russland 2018. Katar 2022. Und nun diese aufgeblasene Weltmeisterschaft in Nordamerika mit Schwerpunkt USA. Noch grösser, noch lauter, noch mehr Werbung, noch mehr VIP, noch mehr politische Inszenierung, noch mehr Weltbühne für Menschen, die Fussball nicht lieben sondern benutzen. Wie faule Eier in goldenen Schalen. Immer ein bisschen mehr Glanz obendrauf, immer ein bisschen mehr Moder darunter. 

Und immer weniger Seele.

Aber am Ende schalten wir doch wieder ein. Wir hoffen. Wir fiebern mit. Das Traumtor lässt uns einen kurzen Moment fast vergessen, was da im Hintergrund fault. Auch ich werde nicht so tun, als wäre ich immun. Wenn die Schweiz spielt, schlägt mein Herz schneller. Wenn ein Aussenseiter plötzlich gross wird, wenn ein Goalie mit einer unmöglichen Parade den Ball noch aus dem Winkel fischt, wenn ein Stadion für eine Sekunde den Atem anhält und dann in Jubel ausbricht: Dann bin ich wieder da, mitten in diesem alten Zauber, den ich eigentlich verloren glaubte.

Aber es ist nicht mehr dasselbe.

Denn der Gestank ist inzwischen zu stark. Er überwindet den Bildschirm. Er sitzt neben einem auf dem Sofa, schwebt in der Luft über jedem Public Viewing. Er hängt zwischen Jubel und Zeitlupe. Er erinnert einen permanent daran, dass hier etwas nicht mehr frisch ist. Dass irgendwo in der Nähe etwas verwest.

Und vielleicht ist das der traurigste Verlust: Dass wir die WM eigentlich immer noch lieben, aber sie nicht mehr geniessen können, weil ihr dieser unerträgliche Gestank überall hin folgt. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Früher war alles einfacher

Früher war alles einfacher

Kennt ihr das?

Ihr seid vielleicht Eltern von schulpflichtigen Kindern und wundert euch manchmal über das Ausmass an Betreuung, Organisation, Koordination und Intervention im Vergleich zu eurer eigenen Schulzeit?

Oder ihr habt ein Baugesuch eingereicht und müsst gefühlt tausend Dinge nachbearbeiten, Formulare ergänzen und Formalitäten berücksichtigen? Dabei wolltet ihr doch nur eine Wärmepumpe anschliessen!

Oder ihr eröffnet ein einfaches Lohnkonto und fragt euch nach dem dritten Formular, der vierten Unterschrift und der fünften rechtlichen Bestätigung, ob ihr gerade ein Konto eröffnet oder ein Finanzimperium gründet?

Kommt es euch auch manchmal so vor, als würde man eigentlich schon ein "huere Theater" wegen jedem "Seich" machen?

Sicher habt ihr schon gedacht: Früher war das alles viel einfacher. Und vermutlich stimmt das sogar.

Aber daraus zu schliessen, wir müssten einfach zurück zu früher, wäre sehr wahrscheinlich ein Fehler. Denn vielleicht ist im Moment alles so kompliziert und anstrengend, weil wir uns mitten in einer Transformationsphase befinden.

Alte Abläufe passen nicht mehr. Neue Abläufe funktionieren noch nicht so richtig. Zuständigkeiten sind unklar, neue Systeme noch nicht ausgereift. Erinnerungen an die Vergangenheit prallen auf die Visionen der Zukunft. Und irgendwo mittendrin stehen wir alle und denken: Muss das jetzt wirklich sein?

Ja!

Veränderung ist selten elegant. Sie kommt nicht fertig sortiert daher. Sie ist anfangs meistens umständlich, mühsam und voller Kinderkrankheiten. 

Probiert mal in einem Unternehmen eine neue Software einzuführen. Zuerst funktioniert nichts. Alle sind genervt. Bis sich das Neue eingespielt hat. Plötzlich möchte man es nicht mehr missen und fragt sich, wie man vorher eigentlich funktionieren konnte. Nun stellen wir uns das Ganze nicht in einem Unternehmen vor, sondern in einer ganzen Gesellschaft...

Man muss diese Phase aushalten.

Denn oft wird es zuerst komplizierter, bevor es einfacher wird. Zuerst holpert es. Zuerst nervt es. Zuerst kostet es Zeit, Geduld und Nerven.

Die Erleichterung kommt erst später. Dann, wenn die neuen Abläufe sitzen.

Vielleicht ist also nicht alles hoffnungslos kompliziert geworden. Vielleicht stehen wir einfach mitten im Übergang. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die Dinge wieder einfacher werden, sobald sich alles eingependelt hat.

Die Frage ist deshalb nicht, wie wir wieder zurückkommen. Die Frage ist, wie wir vorwärtskommen. 

Dafür braucht es halt "än lange Schnuuf". Und dann merken wir hoffentlich: Es hat sich gelohnt.